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Werdegang einer Banater Gemeinde
Erlebnisbericht - Deportation der Bogaroscher nach Russland
(erlebt und geschildert von Rosina Goschi, geborene Holz)
Es war das Jahr 1945, der
Krieg ging unaufhaltsam seinem Ende zu, und da hatten sich die Russen
aufgemacht in deutschen Gebieten Rumäniens arbeitsfähige Menschen zu
rekrutieren, um in der Sowjetunion am sogenannten Wiederaufbau
teilzunehmen.
Das neue Jahr hatte kaum begonnen, da wurde die Nachricht verbreitet,
mit den Deutschen aus dem Banat sollte etwas geschehen. Keiner aber
hatte nur einen leisen Verdacht, denn die Sache war geheim. Die
Polizisten (Schandare) gingen von Haus zu Haus, und notierten aus den
Personalausweisen irgendwelche Sachen. Wir wussten nicht worum es ging,
und die wachsende Unsicherheit löste zwangsläufig das Gefühl der Angst
aus. Nun am 9. Januar 1945 liessen die Behörden die Katze aus dem Sack.
Der Trommelmann ging frühmorgens durch die Straßen und verkündete, dass
sich alle Männer, die zwischen 1900 und 1927 geboren, sowie alle Frauen
die zwischen 1915 und 1927 geboren wurden, zu melden hatten. Alle
Angesprochenen sollten sich warm anziehen und für 14 Tage Verpflegung
mitbringen. Jetzt wurde es bitter ernst, es wurden Überlegungen
angestellt ob man sich verstecken oder melden sollte. Die Mehrheit ging
wie angeordnet zum Gemeindehaus, wurden sofort festgenommen und durften
nicht wieder raus. Der ureigenste Instinkt des Menschen, bei Gefahr zu
flüchten oder sich zu verstecken wurde auch bei mir geweckt und ich
beschloss mich zu verstecken. Die Angst, in meinem vermeintlich
sicheren Versteck doch entdeckt zu werden und dann eventuell mit dem
Leben dafür bezahlen zu müssen, wurde so gross dass ich nun
aufgab, und am letzten Tag vor dem Abmarsch bei der Behörde vorstellig
wurde. Gleich nach meiner Meldung kamen zwei Russen mit aufgepflanztem
Gewehr um mich abzuholen. Ich machte mich bereit, verabschiedete mich
von allem was mir lieb war, und das war sozusagen alles was mich bis
dahin umgab, meine Mutter, unser Haus und alles was drinnen war,
die Tiere, die Nachbarn. Dann gingen wir los. Bei der Sammelstelle
angekommen, wurden wir paarweise aufgestellt und zum Abmarsch fertig
gemacht.
Die Unmenschlichkeit begann schon langsam ihr Gesicht zu zeigen, denn
wir durften uns nicht mehr von den seitwärts stehenden Angehörigen
verabschieden. Wobei Abschied ein Gefühl der Traurigkeit auslöst, das
durch Umarmung gelindert werden kann. Tugenden, wie Menschlichkeit und
Mitgefühl wurden uns jahrhundertelang anerzogen, doch jetzt wurden
unsere Geschicke von rohen Menschen gelenkt. Von dem
herzzerreissenderen Weinen, Schreien und Wehklagen brauche ich wohl
nicht mehr berichten, denn die Szenen die sich damals und dort
abspielten, waren alles andere, als menschlich. Auch fällt es schwer so
eine geladene Stimmung in Worte zu fassen. Kinder wurden von Eltern
getrennt und umgekehrt, rücksichtslos. Die Soldaten und die Behörden
nahmen in keinster Weise Rücksicht auf Alte, Kranke und Kinder. Ich
höre noch heute den ach so vertrauten Glockenschlag der Turmuhr. Sie
schlug fünfmal, als wir von dicken Januarschneeflocken umhüllt, ein
letztes mal den Blick nach den Hinterbliebenen richteten, und die
Kolonne sich in Richtung Dorfausgang zu bewegen begann.
Wir wurden auf Wägen verladen und es ging zur Sammelstelle nach
Perjamosch. Wer von den Angehörigen einen Wagen dabei hatte, konnte
mitfahren. Wir wurden noch zwei Tage in einer Schule festgehalten, wo
dann Viehwaggons zu unserem Abtransport bereitgestellt wurden. Wir
wurden also in die Waggons getrieben. Nach der Beladung wurden diese
von russischen Soldaten von aussen verriegelt, nach einem Pfiff begann
die Dampflokomotive zu schnauben und der Zug setzte sich Richtung Osten
in Fahrt. In den Waggons war es eiskalt, an eine Heizquelle war nur zu
denken, und so kümmerten wir uns aneinander um nicht zu frieren. Das
schaffte ein wenig Abhilfe. Um sich ein Bild machen zu können, wie kalt
es im Innern der Waggons war, möchte ich das Beispiel der
Trinkflaschen, in denen das Wasser zu Eis gefroren war, anführen. Die
Notdurft der Menschen wurde über einem, in den Bretterboden des Waggons
geschnittenen, Loch verrichtet. Da mussten Männer wie Frauen hin, und
um doch ein wenig „Privatsphäre" zu wahren, hängte man eine Decke
davor. Das war der gesamte Komfort auf unserer ins Ungewisse führenden
Reise. Gegessen wurde von dem von zu Hause mitgebrachten Proviant, doch
als der zu Ende ging, klopfte zum ersten Mal der bittere Hunger an.
Wasser wurde von den verschiedenen Bahnhöfen nachgefüllt, die
verschiedenen Wassersorten sorgten natürlich für Magen- und
Darmverstimmungen übelster Art.
Nahe der russischen Grenze in Adjud wurden die Waggons auf Breitspur
gewechselt. Wir mussten umsteigen, und fuhren ins 30 km von Stalino
entfernte Jenakijewo. Dort angekommen, nahm jeder sein Gepäck auf
den Rücken und begab sich auf den weiten beschwerlichen Weg ins Lager
Nr. 14. Das Lager befand sich im roten Stadtteil, war ein großes
zweistöckiges Gebäude, mit Stacheldraht umsäumt, fehlendem Fensterglas
und unbequemen leeren Eisenbetten, in denen kein Bettzeug war. Überall
standen Militärposten, die uns beäugten, und aufpassten, dass niemand
fliehen kann. Wir wurden von russischen Offizieren, begleitet von
Dolmetschern, in Verwaltung genommen.
Das Essen war ärmst, es gab morgens, mittags und abends immer dieselbe
Krautsuppe. Morgens wurde noch 700g Brot für jeden ausgegeben. Das
wurde sofort aufgegessen, doch als sich der Hunger von neuem bemerkbar
machte, war nichts mehr da um ihn zu stillen. Diese Situation führte zu
Unterernährung und bei vielen zum Tod. Unseren ersten Toten hatten wir
am 21. März 1945, zu Frühlingsanfang. Es war ein bitterer Anblick,
jemand aus der vertrauten Dorfgemeinschaft auf diese Weise zu verlieren.
Nachdem wir unsere wenigen Habseligkeiten untergebracht, und uns
eingerichtet hatten, ging es am zweiten Tag schon frühmorgens zur
Arbeit. Wir gingen in eine kriegbeschädigte Fabrik wo wir
Wiederaufbauarbeiten leisten mussten. Steine und Bauschutt wurden auf
Förderbänder gebracht, die das Zeug zum Abtransport auf Loren
förderten. Es war eine sehr schwere Arbeit in unserem kraftlosen
Zustand.
Bei der Arbeit wurden wir von einem Wachposten bewacht, so als wären
wir Schwerverbrecher. Die Arbeit wurde in zwei Schichten erledigt, denn
der Betrieb in der Fabrik ging rund um die Uhr. Wir zählten nicht als
Menschen, und das hatten schon die Kleinsten bewiesen. Auf dem Weg zur
Arbeit bewarfen sie uns mit Steine und riefen „robota harascho" (die
Arbeit ist gut). Die Füße schmerzten oft dermassen, dass man nicht zur
Arbeit gehen konnte. Das zählte aber nicht, man musste mindestens 39°C
Fieber haben, um die Chance zu haben, als krank anerkannt zu werden.
Die Schuhe zerrissen und nass, die Strümpfe genauso nass, so liefen wir
den ganzen Tag rum. Dabei schneite es den ganzen Tag lang, und eine
ungemütliche Feuchtigkeit durchtränkte unseren ganzen Körper. Dass dies
für die Gesundheit nicht gerade förderlich war, und viele Menschen die
das Desaster in Russland überlebten, noch heute an den Folgen leiden,
verwundert niemanden.
Die nassen Kleider wurden abends ins Bett gelegt, man legte sich drauf
und hoffte bis zum nächsten Morgen wieder trockene Sachen zum Anziehen
zu haben. Dem war nicht so, man hatte aber keinen anderen Ausweg. Oft
brachen wir bei dem Gedanken, ob das für ewig unsere Heimat bleiben
soll, in Tränen aus. Doch auch das Weinen änderte nichts an unserer
erbärmlichen Situation, es erleichterte lediglich die Seele.
Vom Hunger wachgerüttelt, waren wir froh, mal wieder in den Keller
gehen zu können, und die Krautsuppe mit dem sauren Brot zu essen.
Unsere Essschale war eine abgeschnittene Konservedose, unappetitlich,
aber zweckmässig. So begann der Tag.
Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Das hatte zur Folge,
dass sich sehr bald auf unseren Körpern Läuse heimisch fühlten, und uns
Tag und Nacht plagten. Der Juckreiz war unerträglich. Auch Ratten waren
unsere ständigen Begleiter. Sie suchten in unsrer Nähe nach etwas
Fressbarem. Die ärztliche Versorgung war schlecht. Es gab an
Arzneimitteln nichts als Aspirin und frisches Wasser. Das bedeutete bei
Krankheit, entweder selber damit fertig werden, oder sterben, so hart
es auch klingt.
Von Sicherheit am Arbeitsplatz war damals nie die Rede. Es gab
unzählige Unfälle in der Fabrik. Auch von unseren Frauen wurden zwei
schwer verletzt, als ein russischer Arbeiter von hoch oben aus dem
Aufzug herunterfiel, und auf die Frauen stürzte. Der Russe war sofort
tot.
Später dann wurden Arbeiter für die Kolchose gebraucht, da wurden die
zu dem Zeitpunkt gerade Kranken herausgesiebt. Zu diesen gehörte auch
ich. Wir wurden mit einem LKW rausgefahren, und glaubten, ab nun
wirklich das große Los gezogen zu haben, denn draußen auf den Äckern
dürften soviele landwirtschaftliche Erzeugnisse wachsen, um unseren
bitteren Hunger reichlich zu stillen. Doch es kam ganz anders. Wir
wurden dort abgeladen, fanden nichts vor, als ein verlassener
Ochsenstall, der den Ochsen als Winterquartier diente. Die erste Nacht
schliefen wir auf dem Misthaufen und es kam uns wirklich vor, als hätte
uns jetzt der Satan die Hand gereicht. Wir mussten uns eine Erdhütte
bauen, mit Ästen und Stroh bedecken. Das hört sich noch gut an, doch
wehe, es begann zu regnen. Dann war es Schluß mit lustig. Alles um uns
war naß und die Hoffnung, hier wieder heil rauszukommen, schwand nach
und nach.
Doch die Krankenkommission beschloß, aufgrund meines Leidens mich
wieder ins Lager zurückzuschicken. Bis es aber soweit war, musste man
wöchentlich auf eine andere Kolchose um bei der Ernteeinbringung zu
helfen. Der Hunger schaute uns aus den Augen, jedoch durften die
schönen Kartoffeln nur bewundert werden. Wenn man Mut vor Angst walten
ließ, und doch mal ein paar Kartoffeln mitgehen ließ, so brauchte man
nur erwischt zu werden. Die Schmach und Schande die einem dann zuteil
wurde, kann mit Worten kaum beschrieben werden. Meine Freundin wurde
erwischt. Sie wurde im offenen Viereck als Diebin hingestellt, kam in
den feuchten Kellerknast für drei Tage. Tagsüber war sie zum
Ziegel-tragen verbannt. Abends steckte ich ihr durchs Kellerloch Decken
zu, damit sie nicht zu sehr friert. Und das alles für drei Kartoffeln.
So ging das immer weiter und weiter bis endlich die große russische
Krankenkommission kam. Davon hatten wir schon lange geredet, doch jetzt
war es nun wirklich soweit. Jetzt wurden die Schwerstkranken
rausgefiltert und der erste Transport wurde zusammengestellt. Dieser
ging im Dezember 1945 direkt nach Rumänien. Der zweite ging über Polen
nach Deutschland. Ich hatte wirklich großes Glück und war bei den
ersten Heimkehrern dabei.
Wir fuhren mit dem Zug los, und kamen in Rumänien, in Fokschan in ein
Sammellager. Dort wurden wir von deutschen Soldaten verpflegt, die
wiederum als Gefangene nach Russland abgeschoben wurden. Acht Tage
weilten wir in diesem Lager, als nun endlich unsere Papiere für die
Weiterfahrt, die sogenannte Heimreise fertig waren. Unsere
Habseligkeiten wurden auf einen Ochsenkarren geladen und zum Bahnhof
gebracht. Dort schmiss man alles runter, und wir waren uns selbst
überlassen.
Aber, wir waren ab nun frei. Hungrig, ohne Fahrkarte für den Zug so
standen wir da, und hofften irgendwie nach Bukarest zu kommen. Das
gelang auch, doch dort haben wir uns, der großen Menschenmenge wegen,
aus den Augen verloren, und so bildeten sich zwei Gruppen. Die eine kam
über Marmarosch Sighet nach Hause, die andere über Craiova, nach
Temeswar. Darunter war auch ich. Als wir an den zahlreichen Ortschaften
so vorbeifuhren, sahen wir einen Hirten mit einer großen Schafherde.
Irgendwie hatte man schon das Gefühl zu Hause zu sein. Wir riefen dem
zu: „frate, frate" (Bruder, Bruder) . Es war das erste heimische
Zeichen, das wie Öl über die Seele floß.
An Craiova vorbei, waren wir unserem so vertrauten Temeswar schon etwas
näher. Auch dort kamen wir irgendwann des nachts an. Ein wirklich
angenehmes Erlebnis, wir setzten uns auf die Treppen des
Bahnhofsgebäudes und taten was nützliches, wir kämmten uns. Unsere
Kleider, nicht mehr die besten, verrieten woher wir kamen. Das erregte
natürlich Mitleid bei den Passanten, und jeder der noch etwas Essbares
bei sich hatte, gab es uns gerne. Um ein Uhr nachts ging der Zug nach
Hatzfeld. Das war ein russischer Militärtransport und wir hatten großes
Glück, dass der Zug in Hatzfeld angehalten hatte, ansonsten wären wir
weiter nach Jugoslawien oder noch mehr nach Westen mitgefahren.
In Hatzfeld angekommen, mussten wir bis Mitternacht auf die nächste
Zugverbindung nach Bogarosch warten. Ein Landsmann begegnete uns, und
machte sich zu Fuß auf, um die freudige Nachricht unserer Heimkehr zu
überbringen. Nun endlich war es Mitternacht und der Zug setzte sich in
Richtung Bogarosch in Bewegung, dem Ort, dem wir vor fast einem Jahr
auf grausamste Weise entrissen wurden. Als sich der Zug dem Bahnhof
näherte, vermochte mein Herz vor Freude aus dem Leibe zu springen. Es
schlug mir wahrlich bis zum Halse. Zum Empfang war das halbe Dorf
zugegen.
Als der Zug nun anhielt, gab es einen herzlichen Empfang. Freudentränen
flossen, aber verständlich, auch Wehklagen blieben nicht aus, denn
jeder der Dorfbewohner hätte gerne seine Lieben wiedergesehen. Für
viele gab es leider keine Rückkehr. Anschliessend ging es zur Kirche,
wir schritten durch das weit geöffnete Kirchenportal und näherten uns
erfurchtsvoll dem Hochaltar, wo wir uns demütig aber auch dankend
niederknieten. Dankend deshalb, weil es uns nach soviel Erlittenem
gegönnt war, die Heimat wiedersehen zu dürfen. Wir sangen alle zusammen
das allbekannte Lied „Großer Gott wir loben Dich". Anschließend
gingen wir mit unseren Lieben nach Hause.
Schlusswort:
Diese in einigen Worten gefasste Erzählung ist die Zusammenfassung all
dessen, was einer ethnischen Minderheit, den Deutschen aus dem Banat in
Rumänien, seitens der hasserfüllten Sieger des zweiten Weltkrieges
wiederfahren ist. Es wird lediglich versucht, wenn auch nur
ansatzweise, darzustellen, was sich wirklich und in einem gigantischen
Ausmaß zugetragen hat. Selbst wenn die Greueltaten an deportierten
Menschen je entschuldigt werden könnten, vergessen werden sie niemals.
Und gerade das ist das Ziel dieser kurzen Schilderung.
Rosina Goschi
Frankenthal
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