Werdegang einer Banater Gemeinde
Persönlichkeiten - Nelu Brâdean-Ebinger

 
  Nelu Brâdean-Ebinger
(Linguist, Hochschullehrer und Dichter)


Ein bekennender Mitteleuropäer banatschwäbischer Herkunft

„Die Leistung ist des Menschen Wert,/ und niemals ist es umgekehrt". Diesen Sinnspruch unseres Heimatdichters Peter Jung hat sich der Abschlussjahrgang 1971 des deutschen Klassenzugs des Hatzfelder Lyzeums als Motto für sein Absolvententab­leau ausgesucht. Zu den 34 Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahrgangs, die aus Hatzfeld und elf weiteren Banater Ortschaften stammten, zählte auch Bradean Nelu - wie unter seinem Porträtfoto steht. Nelu Bradean-Ebinger, wie er sich heute nennt, ist ein international anerkannter Sprachwissenschaftler, Hochschullehrer in Budapest und Miskolc und einer der bekanntesten ungarndeutschen Autoren. Seit nunmehr fast vier Jahrzehnten lebt er in Ungarn, wo er eine erfolgreiche akademi­sche und wissenschaftliche Laufbahn einschlagen konnte und - getreu dem Absol­ventenmotto von 1971 - beachtenswerte Leistungen erbrachte. Auf Anregung seines ehemaligen Klassenlehrers Erich Huniar wollen wir Nelu Bradean-Ebinger, den be­kennenden Mitteleuropäer banatschwäbischer Abstammung, in dieser Ausgabe des Heimatblattes vorstellen, seinen eher untypischen Lebensweg und seine berufliche Karriere nachzeichnen sowie den Dichter und Essayisten kennenlernen, indem wir eine Auslese seines literarischen Schaffens veröffentlichen.
Nelu Bradean-Ebinger wurde am 22. Juli 1952 in Arad geboren. Aufgewachsen ist er in Bogarosch, auf der Banater Heide, wo sich seine Vorfahren mütterlicherseits, die aus dem Oberrheinland stammenden Ebingers, bei der Ansiedlung 1769 niedergelassen hatten. Sein Name deutet auf eine weitere ethnische Wurzel hin, nämlich auf die rumänische väterlicherseits. Darüber hinaus hatte er noch eine ungarische Groß­mutter und eine serbische Urgroßmutter. In Bezug auf seinen Vornamen Nelu, „die rumänische Koseform von Ioan, deutsch Hansi, ungarisch Janika", schreibt Bra­dean-Ebinger in seinem sehr bemerkenswerten Essay Bekenntnisse eines Mitteleuropäers: „Zu Hause rief man mich mal Hansi, mal Nelu, bis dann der letztgenannte (…) zu meinem offiziellen Vornamen wurde. Seitdem steht er, dieser niedliche Kose­name, (…) in allen meinen Papieren. Ich habe ihn so liebgewonnen, dass ich ihn niemals hergeben werde, trotz vieler Aufforderungen ihn zu verdeutschen oder zu magyari­sie­ren". Nomen est omen: Bradean-Ebinger bekennt sich zu seiner ge­mischten ethnischen Herkunft und zur deutsch-rumänischen Zweisprachigkeit, die ihn von Kindesbeinen an begleitet hat. „… meine Muttersprache ist aber die Banater schwä­bische Mundart", gesteht er. In Bogarosch besuchte er die achtjährige Grund­schule mit deutscher Unterrichtssprache, 1967 erfolgte dann der Wechsel ans Hatz­felder Lyzeum, wo er 1971 das Abiturdiplom erwarb. 
Die Kindheit und Jugend im Banat, die dort genossene Erziehung und Bildung waren für Nelu Bradean-Ebingers Werdegang von entscheidender Bedeutung. „… geprägt wurde ich von der deutschen Erziehung meiner Mutter, Gisela Ebinger, von den Religionsstunden bei Pfarrer Matthias Lauer in Bogarosch und vom deutschen Klassen­zug (Klasse  C) im Lyzeum von Hatzfeld durch Gymnasiallehrer wie Prof. Bräuner, Prof. Huniar, Prof. Gross, Prof. Reich u.a.", hält er in einer autobiografischen Notiz fest. 
Nach dem Abitur nahm Bradean-Ebinger das Studium der Germanistik und Finnougristik an der Universität Bukarest auf. 1972 besuchte er die Sommeruniversität in der finnischen Stadt Lappeenranta in Südkarelien. Mit einem internationalen Stipendium kam er noch im selben Jahr nach Budapest ins renommierte Eötvös-Kolleg. „In Budapest verlor er dann sein ‚ganzes Herz' an diese alte Donaumetropole, so dass er sich 1972 (…) für immer hier niederließ. 1980 nahm er auch die ungarische Staatsbürgerschaft an (…). Er ist sozusagen der allerletzte schwäbische Einwanderer nach Ungarn, aber nicht aus dem Westen, sondern seltsamerweise aus dem Osten, ex oriente lux, wenn man so möchte", befindet der aus Siebenbürgen stammende und in Köln lebende Schriftsteller Ingmar Brantsch, ein guter Kenner und Förderer der ungarndeutschen Literatur.
An der altehrwürdigen, 1635 gegründeten Eötvös-Loránd-Universität zu Budapest (Eötvös Loránd Tudományegyetem, kurz ELTE) studierte Nelu Bradean-Ebinger  Hungarologie, Finnougristik und Allgemeine Germanistik (Skandinavistik). 1978 machte er sein Staatsexamen und zwei Jahre später promovierte er an der ELTE bei Professor Hajdu Péter zum Dr. univ. (doctor universitatis) mit einer Arbeit über die nordisch-lappischen Sprachbeziehungen. Nach einer mehrjährigen Aspirantur am Institut für Sprachwissenschaft der Ungarischen Akademie der Wissenschaften wurde ihm 1985 der wissenschaftliche Grad „Kandidat der Sprachwissenschaft" (candidatus scientiarum, Abk. CSc.) verliehen, der dem akademischen Grad eines PhD (philosophiae doctor, Doktor der Philosophie) entspricht. Seine Kandidatur-Dissertation Sprachkontakt und Zweisprachigkeit im Fennoskandinavien. Soziolinguisti­sche Aspekte der Zweisprachigkeit im nördlichen Areal ist 1991 im Druck erschienen.
Nelu Bradean-Ebinger hat nach seinem Examen 1978 die akademische Laufbahn eingeschlagen, die in seinem Fall aufs engste mit der Budapester Corvinus-Universität (Budapesti Corvinus Egyetem, kurz BCE) verknüpft ist. Damals hieß sie noch Karl-Marx-Universität für Wirtschaftswissenschaften, 1991 wurde sie in Universität für Wirtschaftswissenschaften, später in Universität für Wirtschafts- und Verwaltungs­wissenschaften umbenannt. Seit 2003 ist die 1920 gegründete Hochschule, deren imposantes Hauptgebäude direkt am Ufer der Donau liegt, nach dem ungarischen König Matthias Corvinus benannt. Am Spracheninstitut dieser Universität durchlief er die einzelnen Stufen der akademischen Karriere, angefangen vom Hilfsassistenten und Assistenten über den Adjunkt bis hin zum Dozenten (1987). Als Universitätsdo­zent war er am Lehrstuhl für deutsche Sprache tätig, dem er von 1989 bis 2005 auch vorstand. Im Jahr 2000 habilitierte er sich an der Universität Pécs (Pécsi Tudomány­egyetem). Infolgedessen wurde ihm die Lehrbefugnis erteilt und sein Doktorgrad um den Zusatz habil. (habilitatus) erweitert. Die Habilitationsschrift Deutsch im Kontakt als Minderheits- und als Mehrheitssprache in Mitteleuropa. Eine soziolinguistische Untersuchung zum Sprachgebrauch bei den Ungarndeutschen, Donauschwaben und Kärntner Slowenen wurde 1997 als 10. Band der Schriftenreihe „lingua Deutsch" des Lehrstuhls für deutsche Sprache an der Wirtschaftsuniversität Budapest und im Wie­ner Verlag „Edition Praesens" publiziert. Im Jahr 2005 erfolgte schließlich die Beru­fung zum ordentlichen Professor am Institut für Internationale Studien, das im Rah­men der Fakultät für Sozialwissenschaften der Corvinus-Universität funktioniert. Hier leitet er das Zentrum für Fach- und Fremdsprachen.
Seit 1992 lehrt Nelu Bradean-Ebinger auch an der Universität Miskolc, wo er den Lehrstuhl für germanistische Linguistik gründete und bis 1998 auch leitete. Im Jahr 2002 verlieh ihm die Geisteswissenschaftliche Fakultät dieser Hochschule in Anerkennung seiner Verdienste um die Germanistik in Miskolc den Titel eines Privatdo­zenten (egyetemi magántanár).
Im Laufe der Jahre kamen zahlreiche Forschungsaufenthalte und Lehraufträge im Ausland an den Universitäten Wien, Klagenfurt, Bern, Zürich, München, Tübingen, Heidelberg, Hamburg, Uppsala, Stockholm, Lyon, Paris, Vancouver, Stanford hinzu. Darüber hinaus hat Bradean-Ebinger an zahlreichen Fachkongressen, -konferenzen und -tagungen im In- und Ausland teilgenommen, auf denen er die Ergebnisse seiner sprachwissenschaftlichen Forschungen vorstellte. Er hat an wichtigen Forschungsprojekten mitgewirkt, so zum Beispiel am TEMPUS-Projekt zur Ausbildung von Wirt­schaftsdeutschlehrern (1992-1997) und an dem EU-Projekt EUROMOSAIC III, das die Präsenz von Regional- und Minderheitensprachen in den neuen Mitgliedstaaten der Europäischen Union untersuchte (2004-2005). Bradean-Ebinger war bzw. ist Mit­glied zahlreicher Fachgesellschaften, von denen hier nur einige genannt werden sollen: Arbeitsausschuss für Angewandte Linguistik der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Internationale Gesellschaft für Ungarische Philologie, Internationale Gesellschaft für Angewandte Linguistik (AILA), Internationale Vereinigung für Ger­manistik (IVG), Gesellschaft Ungarischer Germanisten (GUG), Internationales Dia­lektinstitut (IDI) und Internationaler Deutschlehrerverband (IDV).
Nelu Bradean-Ebingers langjährige Tätigkeit in Forschung und Lehre hat ein umfangreiches wissenschaftliches Werk hervorgebracht, das mehrere selbständige mono­grafische Arbeiten und Lehrbücher sowie einige Dutzend in Sammelwerken und Fachzeitschriften erschienene Studien in deutscher, ungarischer und englischer Sprache umfasst. Darüber hinaus gab er die Publikationsreihe „lingua Deutsch" des Lehrstuhls für deutsche Sprache an der Budapester Universität für Wirtschaftswissenschaften heraus (1986-2005, 17 Bände) und gehörte dem Redaktionsausschuss der Zeitschriften „Deutschunterricht für Ungarn" (DUfU; Herausgeber: Direktion für Fremdsprachenunterricht der Gesellschaft zur Verbreitung Wissenschaftlicher Kennt­nisse) und „Nyelvpedagógiai írások" („Sprachpädagogische Schriften"; Heraus­geber: Spracheninstitut der Universität für Wirtschaftswissenschaften Budapest) an.
Nelu Bradean-Ebinger ist ein ausgewiesener Sprachwissenschaftler, wovon seine zahlreichen Publikationen zeugen. Die Linguistik ist sein Hauptarbeitsgebiet, wobei einerseits die schwerpunktmäßige Hinwendung zu diversen Teildisziplinen der an­gewandten und vergleichenden Sprachwissenschaft und andererseits die Beschäftigung mit verschiedenen einzelsprachlichen Philologien (Germanistik, Finnougristik, Skandinavistik) festzustellen ist. Ein Großteil seiner Untersuchungen ist der Soziolin­guistik zuzuordnen, einem Teilgebiet der Angewandten Sprachwissenschaft, deren Gegenstand einerseits die soziale, politische und kulturelle Bedeutung sprachlicher Systeme und die Variationen des Sprachgebrauchs sowie andererseits die kulturell und gesellschaftlich bedingten Einflüsse auf die Sprache ist. Zu seinen vorrangigen Forschungsthemen zählten bzw. zählen:
- Sprachkontaktphänomene (nordisch-lappische Sprachbeziehungen, Deutsch im Kontakt als Minderheits- und als Mehrheitssprache in Mitteleuropa, ungarisch-rumänische Sprachkontakte in Siebenbürgen) und die Folgen solcher Kontakte: Zweispra­chigkeit („indo-uralische" Zweisprachigkeit in Fennoskandinavien, deutsch-ungari­sche Zweisprachigkeit, Zweisprachigkeit und Diglossie bei den Donauschwaben in Deutschland), areale (geographische) und typologische (bestimmte lautliche und/oder grammatische Eigenschaften berücksichtigende) Verteilung von Sprach­merk­ma­len (Areallinguistik und Sprachunterricht, Sprachtypologie und Unterricht von mehreren Sprachen) usw.;
- Sprachgebrauch (bei den Ungarndeutschen und bei Zwei- und Mehrsprachigen in Fennoskandinavien);
- Sprach- und Sprachenpolitik (Sprachpolitik in Schweden, deutsche Sprachpolitik in Ostmitteleuropa, Sprachenpolitik in Ungarn, Globalisierung und Sprachenpolitik);
- Fachsprachen (Wirtschaftsdeutsch; ungarische Fachsprachen im 20. Jahrhundert);
- Mitteleuropäische Studien (Mitteleuropa als Sprach-, Kulturraum und Wirtschaftsraum, Interkultureller Dialog in Mitteleuropa).
Nelu Bradean-Ebinger, der in Wudersch/Budaörs in der Nähe von Budapest wohnt, engagiert sich seit Jahren in der Jakob-Bleyer-Gemeinschaft (JBG). Er ist stellvertretender Vorsitzender dieses ungarndeutschen Landesvereins, der sich die Bewah­rung, Förderung und Pflege der Muttersprache und der Identität der Deutschen in Ungarn zum Ziel setzt, und Redaktionsmitglied des in Budapest erscheinenden Ver­einsorgans „Sonntagsblatt". Im Auftrag der JBG gab er die Akten der Historikerkonfe­renz zum Volksbund der Deutschen in Ungarn (1938-1945) (Budapest 2007) sowie die Akten der Historikertagung zum Verhältnis von Ungarndeutschen und Juden in Ungarn (Budapest 2009) als Band 3 und 4 der Sonntagsblatt-Bücherei heraus.
Seit Anfang der 1970er Jahre schreibt Nelu Bradean-Ebinger Gedichte, Kurzprosa und Essays. Er begann schon während seiner Gymnasialjahre in Hatzfeld zu dichten und debütierte als deutschsprachiger Lyriker 1970 in der „Neuen Banater Zei­tung" (Temeswar) und in der Bukarester Zeitschrift „Neue Literatur". Seine literarischen Schöpfungen sind in verschiedenen Periodika und Anthologien sowie in drei selbständigen Bänden veröffentlicht. Als erster erschien der Gedichtband Budapester Resonanzen. Lyrische Gedanken in einer Minderheiten­sprache (Budapest, 1986). Die beiden folgenden Bände enthalten jeweils Gedichte und Essays und sind zwei­sprachig: Auf der Suche nach ... Heimat / Hazakeresoben (Budapest, 1995) und Be­kennt­nisse eines Mitteleuropäers / Egy közép-európai ember vallomásai (Budapest, 2001). Im Jahr 1999 hat Bradean-Ebinger einen dreispra­chigen, deutsch-ungarisch-slowenischen Gedichtband des Kärntner slowenischen Schriftstellers Janko Messner (geb. 1921) herausgegeben und mit einem Nachwort versehen. Er gehört dem Ver­band Ungarndeutscher Autoren und Künstler (VUdAK) an.
Nelu Bradean-Ebingers Gedichte und Essays „knüpfen in ansteigendem Maße an die eigene Existenzproblematik an. Als ‚Fremder'" sucht das lyrische Ich in der ‚neuen Welt' nach der alten Heimat, ‚die es nicht mehr gibt' (…). ‚Der verlorene Sohn' verkörpert den für den mitteleuropäischen Raum so typischen heimatlosen Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nelu Bradean-Ebingers literarisches Schaffen stellt den Versuch dar, die poetische Frage ‚Quo vadis, Fremder?' (…) zu beant­worten", urteilt Rita Pável.
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Walter Tonta  (Hatzfeld)
(Artikel zur Verfügung gestellt von Nelu Bradean-Ebinger)